Felines Calicivirus (FCV)

Ätiologie

Das feline Calicivirus (FCV) ist ein weiterer am Katzenschnupfen beteiligter Erreger. FCV ist ein kleines, unbehülltes Virus mit einsträngiger RNA und typischen kelchförmigen Einbuchtungen auf der Oberfläche, die ihm den Namen geben. Es gibt zahlreiche Antigenvarianten und Virusisolate mit unterschiedlicher Virulenz und möglicherweise auch Gewebstropismus. In einer Katze treten häufig mehrere, in einem Bestand sehr viele Virusvarianten auf.  

Epidemiologie

FCV kommt sehr häufig in Zuchten und Tierheimen vor. In einer Studie in Deutschland wurde bei 49 % der Katzen in Mehrkatzenhaushalten eine FCV-Infektion mittels PCR nachgewiesen. Circa 25 % klinisch gesunder Katzen auf Katzenausstellungen, 20 % von Katzen in Tierkliniken und 10 % von klinisch gesunden Katzen in Privathaushalten scheiden FCV aus. Bei Katzen mit respiratorischen Symptomen oder Stomatitis wird FCV sogar in bis zu 80 % der Tupfer nachgewiesen. Die Eintrittspforte und die Art der Übertragung des FCV sind denen des FHV ähnlich. In den meisten Fällen erfolgt die Infektion durch direkten Kontakt zu Sekreten (selten auch Kot und Urin) akut infizierter Katzen oder von FCV-Carriern. Im Gegensatz zu FHV-1-infizierten Katzen scheiden FCV-Träger kontinuierlich Virus mit dem Speichel aus. FCV kann bei Raumtemperatur auf trockenen Oberflächen Tage bis zu einem Monat persistieren. 

Pathogenese

Die Inkubationszeit liegt bei 2 bis 6 Tagen. FCV vermehrt sich vor allem lokal in Schleimhäuten von Maulhöhle, oberem Respirationstrakt und Konjunktiven. Eine Virusreplikation in der Lunge und in den Gelenken ist ebenfalls beschrieben worden. Das Virus persistiert in Tonsillen und oropharyngealen Geweben. Die Ausscheidungsdauer variiert von wenigen Tagen bis lebenslänglich und ist permanent und stressunabhängig.  

Klinik

Klinische Veränderungen und Verlauf sind von der Eintrittspforte und vor allem vom Virusstamm abhängig. Klassischerweise verläuft die FCV-Infektion mit großflächigen Ulzerationen auf der Zunge, dem harten und weichen Gaumen, den Lippen und den Nasenöffnungen. Manchmal treten Fieber, Niesen und leichte Konjunktivitis auf. Augen- und Nasenausfluss sind weniger ausgeprägt als bei FHV1-Infektionen. Die klinischen Veränderungen verschwinden meist nach 2 bis 3 Wochen. Transiente Lahmheiten („limping kitten syndrome“), teilweise verbunden mit Fieber, treten vor allem bei Katzenwelpen zwischen 6 und 12 Wochen auf und sind selbstlimitierend. Die genaue Ätiologie ist unbekannt. Das“ limping kitten syndrome“ kann auch nach einer FCV-Impfung auftreten. Eine wichtige chronische Manifestation einer FCV-Infektion ist eine plasmozytäre, lymphozytäre, chronisch proliferative Stomatitis. Nach Abheilung der Symptome der akuten FCV-Infektion gehen viele Katzen in ein Virusträgerstadium (Carrier-Tiere) über und sind symptomfrei. Manchmal entwickeln FCV-Carrier aber stark gerötete, manchmal „blumenkohlartig“ proliferative und ulzeröse Veränderungen im Rachenbereich und um die Zähne. Damit ist FCV einer der Faktoren, die in der Pathogenese der chronisch proliferativen Stomatitis eine Rolle spielen, diese Art der Stomatitis kann aber auch ohne FCV-Infektion vorkommen. Studien zeigen aber, dass FCV bei Katzen mit Stomatitis signifikant häufiger in der Maulhöhle gefunden wird, als bei Katzen ohne Stomatitis. Vor einigen Jahren wurden in Kalifornien erstmals mehrere Ausbrüche einer durch FCV-Stämme ausgelösten, hochkontagiösen, systemischen Krankheit beschrieben. Inzwischen gab es auch Ausbrüche in anderen Teilen der USA, England, Frankreich und auch in Deutschland. Diese Krankheit wird als „virulent systemic feline calicivirus disease“ (VSFCD) bezeichnet. Die Ausbrüche sind durch extrem hohe Morbidität (bis zu 100 %) und Letalität (bis zu 80 %) gekennzeichnet. Verantwortlich hierfür sind neue Stämme des FCV, die de novo in Katzen entstehen. Die Impfung bietet keinen Schutz gegen diese schwere Verlaufsform. Ihren Ausgang nimmt sie häufig zunächst in Tierheimen, und sie wird dann oft über Tierarztpraxen verbreitet. Das Syndrom startet mit Ulzerationen auf der Zunge und an den Ballen und geht dann mit systemischen Endothelschä- den und Ödembildung an Kopf und Gliedmaßen sowie Hämorrhagien einher. Obwohl die meisten erkrankten Katzen sterben und sich die Krankheit epidemieartig ausbreitet, verliefen alle Ausbrüche bisher selbstlimitierend.

Prophylaxe

Es gibt sehr viele verschiedene FCV-Stämme, die durch Mutation und Rekombination immer wieder neu entstehen. Unter den FCV-Isolaten gibt es eine ausgeprägte antigenetische Variabilität, die zum Teil so groß ist, dass zwischen den Isolaten keine Kreuzneutralisation induziert wird. Für die Immunisierung von Katzen stehen sowohl Inaktivat- als auch Lebendimpfstoffe mit attenuierten FHV-1-Stämmen zur Verfügung. Die Reaktivität der derzeit erhältlichen „alten“ Impfstoffe (Stamm FCVF9 und Stamm FCV255) mit den zurzeit im Feld auftretenden Stämmen ist nicht vollständig. In jüngster Zeit ist eine Vakzine verfügbar, die zwei aktuellere, serologisch breiter kreuzreaktive FCV-Stämme enthält. In Beständen mit Katzenschnupfen, der sich trotz Impfung nicht beherrschen lässt, kann der Einsatz von Impfstoffen mit unterschiedlichen Vakzine-Stämmen sinnvoll sein. Dies erweitert das Spektrum der induzierten Antikörper und erhöht die Chance, einen Impfschutz zu induzieren, der eine Kreuzneutralisation gegen möglichst viele virulente Feldviren gewährleistet. 

Dieser Test basiert maßgeblich auf der Leitlinie zur Impfung von Kleintieren, 4. Auflage, Stand 03.03.2017