Leptospirose

Synonyme

  • Stuttgarter Hundeseuche
  • Weil'sche Krankheit

Ätiologie

Leptospiren sind dünne, bewegliche, fadenförmige Bakterien mit schraubenartiger Windung und hakenförmigen Zellenden. Durch krümmende Bewegungen und gleichzeitige Rotation um die eigene Achse können sich Leptospiren aktiv fortbewegen. In der taxonomischen Einteilung von Leptospiren existieren momentan zwei Klassifizierungssysteme die parallel verwendet werden, die nicht deckungsgleich sind. Die serologische Einteilung beruht auf antigenetischen Unterschieden zwischen einzelnen Leptospirenserovaren. Antigenetisch verwandte Serovare werden dabei zu Serogruppen zusammengefasst. Momentan sind über 250 Serovare, die zu 25 Serogruppen zusammengefasst sind, beschrieben. Bei der genetischen Klassifizierung werden die Leptospiren auf der Basis ihrer DNA-Verwandtschaft verschiedenen Genospezies zugeordnet. Basierend auf Sequenzierungsdaten werden die Stämme in 9 pathogene, 6 saprophytäre und 5 sogenannte intermediäre Genospezies (Leptospiren unbekannter Pathogenität) eingeteilt. 

Epidemiologie

Die Leptospirose kommt bei vielen Wild-, Haus- und Nutztieren sowie beim Menschen vor (Zoonose!). Vor allem Mäuse und Ratten gelten als wichtige Reservoirwirte und tragen zu der Verbreitung des Pathogens in der Umwelt bei. Die Leptospirose des Menschen und der Tiere wird heute vermehrt auch in Industrieländern, wie den USA und Deutschland, beobachtet. Die meisten Krankheitsfälle beim Menschen sind einer epidemiologischen Studie zufolge auf freizeitbedingten Wasserkontakt oder berufliche Exposition zurückzuführen. In Einzelfällen ließ sich aber auch ein Zusammenhang mit der Haltung von Hunden herstellen. Hinweise darauf liefert eine aktuelle Münchener Studie, der zufolge auch klinisch unauffällige Hunde Leptospiren (DNA-Nachweis) mit dem Urin ausscheiden können. Früher galten vor allem die Serovare Icterohaemorrhagiae und Canicola als Verursacher der caninen Leptospirose. Durch den jahrelangen Einsatz eines bivalenten Impfstoffes, der die beiden genannten Serovare beinhaltete, nahm die Inzidenz der Infektion ab. Da eine Impfung nur eine Immunität gegen Serovare in einer Serogruppe hervorruft, stieg die Inzidenz der durch andere Serovare hervorgerufenen Leptospirose-Fälle mittlerweile deutlich an. In Deutschland werden bei erkrankten Hunden vor allem die Serovare Grippotyphosa, Bratislava, Australis, Saxkoebing, Sejroe und Pomona nachgewiesen. Bei nicht geimpften Hunden treten zudem nach wie vor die Serovare Icterohaemorrhagiae und Canicola auf. Leptospiren können aktiv durch intakte Schleimhäute und Hautläsionen in den Organismus eindringen. Neben der direkten Übertragung durch Bisse, der oralen Aufnahme infizierten Gewebes oder der transplazentaren Übertragung steht vor allem die indirekte Übertragung durch kontaminierte Umwelt im Vordergrund. Warme, stehende, langsam fließende Gewässer begünstigen das Überleben von Leptospiren in der Umwelt und gelten daher als wichtige Infektionsquelle. Badet der Hund in kontaminierten Gewässern oder trinkt daraus, kann er sich mit Leptospiren infizieren. Die Ausscheidung und Kontamination der Umwelt erfolgt überwiegend durch den Urin infizierter Säugetiere, wie Nagetiere. Leptospiren überleben optimal in neutralem oder leicht alkalischem Harn der Pflanzenfressen. Der saure Urin der Fleischfresser setzt die Überlebensfähigkeit des Erregers herab. Verdünnter Urin stellt ein idealeres Nährmedium als konzentrierter Urin dar.

Pathogenese und Klinik

Nach dem Eindringen von Leptospiren in einen empfänglichen Wirt vermehrt sich der Erreger bereits einen Tag post infectionem im Blut. Anschließend disseminieren Leptospiren in verschiedene Organe, wie Nieren, Leber, Milz, Lunge, Endothelzellen, ZNS, Auge, Muskulatur, Pankreas und Geschlechtsorgane. Durch die massive Vermehrung des Erregers und daraus entstehenden Entzündungsreaktionen kommt es zu manifesten Organschädigungen. Durch den Anstieg spezifischer Antikörper kann der Erreger aus den meisten Organen eliminiert werden. In der Niere können Leptospiren jedoch weiter persistieren. Sie replizieren sich in den Nierentubulusepithelzellen und werden mit dem Urin in die Umwelt ausgeschieden. Der Schweregrad der klinischen Veränderungen ist abhängig von Alter und Immunlage des Wirtes, Umwelteinflüssen, der Pathogenität der infizierenden Serovare und der Menge der aufgenommenen Bakterien. Die Krankheit kommt bei Hunden jeden Alters und jeder Rasse vor. Bei der klinisch manifesten Leptospirose stellen Nieren- und Leberfunktionsstörungen, des Weiteren respiratorische Veränderungen („Leptospiral Pulmonary Hemorrhage Syndrome, LPHS“) sowie Gerinnungsstörungen die Hauptbefunde dar. Eine akute Beeinträchtigung der Nierenfunktion mit verminderter glomerulärer Filtrationsrate entsteht durch die Schwellung der Niere und daraus resultierender verminderter Durchblutung. Die fortschreitende Verschlechterung der Nierenfunktion führt schließlich zu Oligurie und Anurie. Die Prognose hängt häufig vom Erhalt der Nierenfunktion ab. Daneben treten an Gefäßen Endothelschäden mit Ödembildung und disseminierte intravasale Gerinnung (DIC) auf, die auch zu Blutungen führen können. Zunehmend häufiger werden wie auch in der Humanmedizin schwere respiratorische Verlaufsformen (LPHS), mit Blutungen in die Lunge und hochgradiger Dyspnoe, beschrieben, die mit einer hohen Letalitätsrate einhergehen. Weiterhin können Pankreatitis, Myokarditis, Uveitis/ Retinablutungen und selten beim Hund Abort/ Infertilität auftreten. Die beim Menschen häufig vorkommende Meningitis wurde beim Hund bisher nicht beschrieben. Inwieweit eine Leptosiproseinfektion zu einer chronischen Nieren- oder Lebererkrankung führt ist nicht geklärt.

Diagnose

Die häufigsten labordiagnostischen Veränderungen sind Leukozytose, Anämie, Thrombozytopenie, Azotä- mie, Elektrolytverschiebungen, Hyperbilirubinämie und hohe Leberenzymaktivitäten. Bei schwer erkrankten Hunden können die Gerinnungszeiten verlängert sein. Bei der Untersuchung des Urins lassen sich Bilirubinurie, häufig Glukosurie und Proteinurie nachweisen. Im Urinsediment sind vermehrt granulierte Zylinder, Leukozyten und Erythrozyten zu finden (sog. aktives Sediment). Diagnostisch hilfreich ist auch die bildgebende Diagnostik (z.B. typische Lungenmuster bei LPHS oder sonografische Nierenbefunde).Der Serogruppenspezifische Mikroagglutinationstest (MAT) zum Nachweis der Antikörper gilt momentan trotz bekannter Nachteile als Goldstandard für den Nachweis einer Leptospiren-Infektion. Die Persistenz von Antikörpern und subklinische Infektionen stellen bei der Interpretation von Antikörpertests ein Problem dar. Außerdem können die durch eine Impfung induzierten Antikörper die Interpretation erschweren. Daher lässt der Nachweis von Antikörpern nicht unbedingt auf das Vorliegen der Krankheit schließen. Ein hoher MAT-Titer gegen eine Serovar, gegen die nicht geimpft wird und keine (oder nur niedrige) Titer gegen Impfserovare, verbunden mit entsprechenden klinischen Veränderungen, werden als Hinweis für eine Infektion angesehen. Eine gesicherte Diagnose ist durch einen vierfachen Anstieg des Antikörper-Titers in einem bestimmten Zeitintervall möglich. Weil in der ersten Krankheitswoche die Antikörpertests oftmals negativ sind, sollten immer zwei Serumproben im Abstand von 1 - 2 Wochen untersucht werden. Neben dem MAT gibt es auch ELISA Schnelltests, die allerdings keine Unterscheidung des infizierenden Serovars erlauben. Alle direkten Nachweismethoden sind nur im Fall eines positiven Ergebnisses beweisend. Der klassische Erregernachweis mittels kultureller Anzucht ist aufgrund der langsamen Wachstumsrate von Leptospiren für die Diagnosefindung nicht zu empfehlen. Mittels PCR kann Leptospiren-DNA bereits in der frühen Phase einer Infektion, vor dem Auftreten der Antikörper zunächst im Blut (Leptospirämie) dann auch im Urin (oder evtl. Gewebeproben) erfasst werden. Proben müssen immer vor Gabe von Antibiotika entnommen werden. Mit anhaltendem Infektionsgeschehen und der damit einhergehenden Abnahme der Erregerlast nimmt jedoch die Nachweiswahrscheinlichkeit mittels PCR ab.

Behandlung

Penicillin und seine Derivate sind in der ersten Phase der Erkrankung die Antibiotika der Wahl. Am Anfang sollte Ampicillin oder Amoxicillin iv. appliziert werden. Um das Trägerstadium (Niere) zu beenden, muss Doxycyclin für 2 Wochen gegeben werden. Zusätzlich ist je nach Organbefall zu behandeln, es handelt sich häufig um Intensivpatienten.

Prophylaxe

Die Reduktion der Umweltkontamination durch die Bekämpfung von Reservoirwirten, wie Mäusen und Ratten, ist so gut wie unmöglich. Daher ist eine Impfung von Hunden notwendig. In Deutschland verfügbare Impfstoffe enthalten zwei bis maximal vier der Serovare Icterohaemorrhagiae, Canicola, Grippotyphosa und Australis. Nach einer Grundimmunisierung (zwei Impfungen im Abstand von 2 – 4 Wochen) muss eine jährliche Wiederholungsimpfung durchgeführt werden, da der Schutz der Leptospirose-Impfung wesentlich kürzer anhält als der Schutz gegen die Virusinfektionen der Core-Komponenten. Da die Leptospirose heute vorwiegend durch andere Serovare als Icterohaemorrhagiae und Canicola verursacht wird, wird der Einsatz von neuen Impfstoffen, die zusätzliche Serovare enthalten, empfohlen. Im Falle der Impfstoffe mit drei oder vier Leptospiren-Komponenten weist das PEI auf eine deutliche Zunahme der Nebenwirkungsmeldungen bei Leptospirose-Impfungen hin, die mit der Markteinführung in Zusammenhang zu stehen scheint. Da Leptospirose-Impfstoffe überwiegend in Kombinationen zur Anwendung kommen, ist die kausale Zuordnung der aufgetretenen Reaktionen zu einer Impfstoffkomponente schwierig. Dem öffentlichen Pharmakovigilanzbericht der Europäischen Arzneimittelagentur für das Jahr 2015 ist zu entnehmen, dass im Zusammenhang mit der Verabreichung eines Leptospirose-Impfstoffes mit vier Serovaren in sehr seltenen Fällen immunvermittelte Nebenwirkungen, z. B. Thrombozytopenie, hämolytische Anämie und Polyarthritis, beobachtet wurden. Auch Hinweise aus anderen europäischen Ländern deuten darauf hin, dass die Häufigkeit von Nebenwirkungsmeldungen im Zusammenhang mit multivalenten Leptospirose-Impfstoffen insgesamt angestiegen ist.

Auch Hunde, die eine Infektion durchstanden haben, sollten nach der Genesung entsprechend der Herstellerangaben geimpft werden, da die Immunantwort gegen Leptospiren weitestgehend Serotyp-spezifisch und auch nach einer Infektion nicht lang andauernd ist.

Dieser Test basiert maßgeblich auf der Leitlinie zur Impfung von Kleintieren, 4. Auflage, Stand 03.03.2017